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Protokoll:

Die symbolische Gestalt der Subjektivität

Seminar: "Oswald Schwemmer: Die kulturelle Existenz des Menschen"

Bei Prof. Dr. Klaus Christian Köhnke

Referat am 13. November 1998

Gehalten von Tobias Elze

 

In seinem 1997 erschienenen Buch "Die kulturelle Existenz des Menschen" versucht Oswald Schwemmer, die philosophische Frage nach dem menschlichen Geist in eine Perspektive der zeitgenössischen Kulturwissenschaft zu rücken, in welcher der Geist zu einer historisch-kulturellen Realität wird.

Das diesem Referat zugrundeliegende dritte Kapitel des Werkes zeigt eine Synthese zweier neuzeitlicher philosophischer Bestimmungen des Geistes auf, deren erste die Subjektivität ins Zentrum rückt, die Antworten auf die Frage nach der menschlichen Einzigartigkeit geben soll. Wie bereits Max Scheler erkannte, objektiviert der menschliche Geist die Welt, d. h. faßt sie in Gegenstände, ist dabei aber selbst gegenstandsunfähig, kann also nicht objektiviert werden. Schwemmer bezeichnet das Subjekt als "jene Instanz unseres Denkens und Handelns, die alles zum Objekt, zum Gegenstand, machen kann außer eben sich selbst in ihrem Subjektsein." (S. 74)

Eine zweite, wesentlich andere Bestimmung des Geistes ergibt sich "durch die von den Menschen aufgebauten symbolischen Welten, in denen sie [...] miteinander kommunizieren, oder [...] durch die Kultur" (S. 74); Ernst Cassirer etwa sprach vom Menschen auch als "animal symbolicum".

Die gegenständlichen Produkte der Objektivierung gemäß der ersten der obigen Bestimmungen sind situationsinvariant, also unabhängig von einer jeweiligen wahrgenommenen Situation. Sie gewinnen ihre "Identität über den Wechsel der Situationen hinaus" (S. 77). Wie wird diese Identität geschaffen?

Gemäß Hans Volkelt sind die ersten Produkte der wahrgenommenen Welt noch keine Gegenstände, sondern bleiben "in die jeweiligen Situationen, in denen sie wahrgenommen werden, eingebunden" (S. 77). Volkelt spricht hier von "Komplexqualitäten".

Im nächsten Schritt vollzieht sich die Befreiung eines Situationsmoments von der jeweiligen Situation, es entstehen von Schwemmer so bezeichnete "Repräsentationen" der Situation.

Schwemmer formuliert dazu die folgende These: "In der Bildung und im Gebrauch von Repräsentationen besteht die Grundfunktion unseres geistigen Lebens." (S. 78)

Diese Repräsentationen sind durch eine Ambivalenz gekennzeichnet, sind nämlich einerseits Produkte des Bewußtseins, andererseits Vertretungs- und Verweisungsbeziehung zu konkreten Umweltsituationen. Folglich besteht eine Schwierigkeit, Relationen herzustellen zwischen Repräsentation und Realität.

Dieses Problem versucht Schwemmer im folgenden zu lösen. Er stellt ein Übereinstimmungsproblem fest "zwischen einem als primäre Reaktion in unseren Sinnesorganen [...] entstandenen Zustand und der uns bewußten Vorstellung, auf die wir uns auch später, uns erinnernd, wieder beziehen und die wir schließlich schöpferisch in unserer Phantasie [...] verändern und in neue Zusammenhänge stellen können." (S. 81)

Bisher gibt es keine befriedigenden Erklärungsmöglichkeiten für Übergang vom Erregungsmuster in den Sinnesorganen zum sogenannten "Gegenwärtigsein" einer Objektivation im Bewußtsein.

Einen Versuch, diese Erklärungsversuche insgesamt für sinnlos zu erklären, stellt in Anlehnung an Ludwig Wittgenstein die Unterschiedlichkeit der hier zur Anwendung kommenden Sprachspiele dar, also des "Erklärungsspiels" (Welche Form von Wahrnehmungsereignissen liefern Erklärungen für das Gegenwärtigsein?) und des "Bewußstseins- oder Erlebnisspiels". Es handele sich hier um einen Strukturunterschied, der beide Ebenen inkommensurabel mache.

Ein zentrales Merkmal der Bewußtseinsebene ist, wie in der zweiten Betrachtungsweise des menschlichen Geistes angedeutet, die Symbolisierung, die eine neue Welt der Symbole mit eigenen Aufbauprinzipien und Strukturen durch immer wieder identifizierbare Elemente erzeugt (vgl. S. 85).

Eine "Zentraleigenschaft" dieser Symbole ist nach Ernst Cassirer ihre "Prägnanz", welche erzeugt wird durch Figur-Hintergrund-Kontraste und Kontraste zwischen Teilen der Figur selbst.

Schwemmer kommt nun zu einer der Kernthesen des Kapitels: "Die Welt der Dinge und Ereignisse, die wir als unsere Wirklichkeit erfassen, entwickelt sich erst über ihre Repräsentation."

"Unsere Wirklichkeit ist deren Vergegenwärtigung." (S. 86)

Mit der "Schließung der Form" führt der Autor einen gestaltpsychologischen Terminus ein, der eine Aussage über die Beschaffenheit der zu symbolisierenden Wahrnehmungskomplexe trifft. So müßte Kontraste "als Elemente eine Form bilden, die von uns als Einheit aufgefaßt werden kann." (S. 87 f.)

Eine Vergegenwärtigung der Bewußtseinszustände erfolgt durch Wiederaktivierung von Prozessen "in einer prägnant geschlossenen Form" (S. 88), die zwar nicht mit dem ursprünglichen Prozeß übereinstimmen muß, doch von diesem "in einer festen Weise erzeugt werden".

Schwemmer erstellt für die von ihm herausgestellten Formen des Bewußtseins das folgende Schema auf (S. 90):

Prozesse

Repräsentationen

Erlebnisse

Mitteilungen

Auftauchende und verschwindende Wahrnehmungskom- plexe

Isolierbare und wiederholbare prägnante Wahrnehmunsmuster

Konkrete Beziehungsformen der Wahrnehmung

Symbolisierte gegenständliche Vorstellungen

Komplexqualitäten

Bilder oder Vorstellungen

(Konkrete) Erfahrungen

"Inhalte" von Bildern, Vorstellungen und Erfahrungen

Abschließend nimmt Schwemmer den Kerngedanken über das Verständnis des menschlichen Geistes durch die Subjektivität als ungegenständliche Gegenstandsfähigkeit wieder auf, wobei die Gegenstandsfähigkeit aus obigem Schema ersichtlich wird, während die Ungegenständlichkeit sich dem Autor zufolge ergibt aus der Spannung zwischen "dem fließenden Strom der Wahrnehmungskomplexe und den prägnanten Wahrnehmungsmustern" (S. 91).

Mit der Einbeziehung der Symbolisierung ist die Synthese der eingangs aufgezeigten Bestimmungen des Geistes erreicht, wobei durch die Symbole, "interindividuell benutzte und in ihrer Verwendung geregelte und kontrollierte Dinge" (S. 94), Wahrnehmungsmuster an öffentliche Kultur gebunden sind.

Dadurch erhalten konkrete Erfahrungen ihre "kulturelle Stabilität" (S. 95). Die Frage nach der symbolischen Gestalt der Subjektivität ist damit beantwortet, die Synthese vollzogen.

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