Geschlechtsspezifik in der pädagogisch-psychologischen
Forschung und Anwendung
1.
Einleitung
F
Leserbriefe auf den Titel-Artikel
des Spiegel «Zurück zur Mädchenschule: Mehr Chancen für Frauen?» (Nr.
19/1996):
«Ach,
Sie wollen wieder mal die Frauen schützen? Danke, kenn' wa schon. Frauen werden
vor Nachtarbeit "geschützt" (und bekommen deshalb weniger Lohn, auch
in Firmen, wo Nachtarbeit gar nicht anfällt), Frauen kriegen immer mehr
Mutterschutz (aber keinen Job - welcher Arbeitgeber will sich dieses
Damokles-Schwert schon einhandeln), Frauen müssen an "gewissen Tagen"
wie ein rohes Ei behandelt werden (fordern Frauenbeauftragte und liefern damit
neue Munition für die "Frauen-sind-sowieso-hormongesteuerte-Hysterikerinnen"-Fraktion).
Zum letztenmal: Frauen sind keine Wundertiere, die vor irgend etwas "geschützt
werden" müssen. Schon gar nicht vor den ersten Erfahrungen mit jenen männlichen
Wadenbeißern, Intriganten und Haudraufs, mit denen sie später sowieso
konfrontiert werden.
München,
DR. KARIN LINDINGER »
«Meine
Physiklehrer waren nicht nur "unterbewusste Chauvinisten": Bemerkungen
wie "Mädchen lernen, Jungen verstehn's", "Hausfrauen führ'n ein
feines Leben: Sie tun nichts, spielen nur den ganzen Tag mit den Kindern"
oder "Ich gebe dir eine Fünf, weil ich genau weiss, dass du nur gelernt
und nichts verstanden hast", bekam ich dort zu hören. Die Folge war, dass
ich begann, dieses Fach zu hassen, und keine guten Leistungen dort erzielte.
Meine persönliche Meinung: gemeinsame Schule, aber in Mathe und Physik
getrennter Unterricht für Jungen und Mädchen.
Fürstenfeldbruck,
MONIKA STACHL»
«Meine
Freundinnen und ich halten es für absurd, naturwissenschaftliche Bücher für Mädchen
extra umschreiben zu wollen, da es absolut nicht einsehbar ist, warum sie sich
beispielsweise weniger für Hubkräne interessieren sollten als Jungen.
Hannover,
KATHARINA HEIN»
2.
Geschlechtsspezifische Sozialisation
2.1.
Bedeutung des Geschlechts für das Individuum
F
Geschlecht: biologische
und soziale Kategorie
F
im Gegensatz zu vielen anderen
Variablen: Geschlecht auf Dauer festgelegt
F
Geschlecht: neben dem Alter
wichtigstes Charakterisierungsmerkmal einer Person
F
z. B.: Eintrag im Pass,
Bestandteil der Anrede, aber auch: sichtbar an Kleidung, Aufgaben und
Erwartungen in Gesellschaft, Familie und Beruf
F
Bedeutung des Geschlechts z. B.
sichtbar an sozialer Sanktionierung jeglichen «Aus-der-Rolle-Fallens» wie
geschlechtsuntypischen Verhaltens oder gar Geschlechtswechsels
F
Biologisches Geschlecht
festgelegt – aber soziales Geschlecht?
2.2.
Geschlecht in der psychologischen Forschung
F
Geschlecht schon seit Beginn der
psychologischen Forschung thematisiert
F
Psychologischer «Klassiker» zum
Thema: «The Psychology of Sex Differences» von Eleanor Maccoby
und Carol Jacklin – untersuchten
über 2000 Studien über Geschlechtsunterschiede in intellektuellen Fähigkeiten,
Persönlichkeitsmerkmalen und sozialem Verhalten
F
nachweisbare Unterschiede nur in
mathematischen Fähigkeiten, visuell-räumlichen Fähigkeiten und Aggressivität
(bei Jungen stärker ausgeprägt) und verbalen Fähigkeiten (bei Frauen stärker)
F
insgesamt aber Unterschiede
innerhalb der Geschlechter größer als zwischen den Geschlechtern
F
im wesentlichen auch in neueren
Studien bestätigt, v. a. was das Nichtvorhandensein von Unterschieden in fast
allen untersuchbaren Bereichen betrifft
F
im Gegensatz dazu:
alltagspsychologische Auffassungen (Männer und Frauen sind zwei Welten)
Mängel
in den meisten Studien zur Geschlechterdifferenzierung in der Sozialisation:
F
keine Aussagen über
intraindividuelle Entstehung der Unterschiede – es wird meist nur
interindividuelle Variabilität zu
einem bestimmten Zeitpunkt erfasst
F
oft Annahme, dass frühe
geschlechtsspezifische Erfahrungen die Persönlichkeitsentwicklung
bleibend beeinflussen Þ
von einem untersuchten Entwicklungsabschnitt wird auf gesamte Entwicklung
geschlussfolgert
2.3.
Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen und Erziehung
F
bereits bevor Kind sich selbst
als männlich oder weiblich erkennt, wird es von der Umwelt spezifisch behandelt
F
Bsp.: rosa vs. blaue
Babykleidung, oder in vielen Kulturen: spezifische Jungen- und Mädchennamen
F
Geschlechtsstereotype:
F
in westlicher
Industriegesellschaft z. B. Mann: aggressiv, mutig, ehrgeizig,
selbstsicher, stark; Frau: empfindsam, sozial orientiert, schwach,
warmherzig
F
Wirkung solcher Stereotype schon
im frühesten Kindesalter bei der Erziehung festgestellt:
F
«Baby-X-Studien» (Seavy,
Katz & Zalk, 1975): Erwachsene werden mit Baby konfrontiert, das,
obwohl es sich um das gleiche Kind handelt, entweder als Junge oder als Mädchen
vorgestellt wird
F
Ergebnisse: «Mädchen»: wurde
zu mehr sozialem Kontakt und sozialem Spiel aktiviert, «Junge»: wurde zu
motorischer Aktivität angehalten
F
Neugeborene Mädchen werden von
Eltern eher als zart, klein und hübsch geschildert, Jungen eher als stark, kräftig
und groß (Keller 1978 u. ö.)
(a)
Jungen und Mädchen gegenüber verhält man sich unterschiedlich
F
(vgl. auch Baby-X-Studien)
F
Eltern stimulieren männliche Säuglinge
eher durch Körperkontakt und Bewegung, weibliche eher durch Vokalisierungen
F
Lehrer beschäftigen sich häufiger
mit Jungen
F
Jungen erhalten mehr Unterstützung
von Leistungsstreben und Unabhängigkeit (Alfermann 1989)
F
Gegenüber Mädchen zeigen Eltern
mehr Wärme, unterstützen Sauberkeit
F
Mädchen werden stärker in ihrer
Bewegungsfreiheit eingeschränkt
(b)
Gleiches Verhalten von Jungen und Mädchen wird unterschiedlich
beantwortet
F
Mädchen, das mit Puppen spielt,
wird bestärkt und gelobt, Junge ausgeschimpft oder lächerlich gemacht
F
Ursachen für
Geschlechtsdifferenzen?
(a)
Aufgrund vorhandener Geschlechtsunterschiede provozieren Jungen und Mädchen
unterschiedliche Reaktionen in ihrer sozialen Umwelt.
(b)
Die Unterschiede entstehen durch eine unterschiedliche Behandlung
durch die Gesellschaft.
F
Beide Hypothesen können in
Teilen zutreffen.
3.
Geschlechtsspezifik im Unterricht
3.1.
Diskussion um Koedukation
Presse:
F
Spiegel-Titel (s. o.)
«Heulsusen
und Sandkastenrocker
Ist
der gemeinsame Schulunterricht für Jungen und Mädchen ein historischer Irrtum?
Pädagogen und Kultusminister planen einen Teilausstieg aus der Koedukation, um
die Mädchen besser und gezielter fördern zu können.
(Der
Spiegel Nr. 12 vom 16.03.1998 Seite 96 - 100)»
«
Macker und Mieze schon im Klassenzimmer
Im
gemeinsamen Unterricht überlassen die Mädchen den dominanten Buben das Feld
(SZ
vom 27.02.1998 S. 2)»
«Die
"reflexive Koedukation" ist kein bildungspolitischer Rückfall -
Kleiner Mann, was tun!
(TAZ Nr. 5467 vom
25.02.1998 Seite 12)»
«Mathe ohne Jungs
Zwei Bundesländer führen
getrennte Schulstunden für Jungen und Mädchen ein. Doch ob separater
Unterricht den Mädchen später nützt, ist zweifelhaft
(DIE WOCHE Nr. 10 vom
06.03.1998 Seite 33)»
«Sollen
Mädchen und Jungen auch weiterhin gemeinsam unterrichtet werden?
Ein
Projekt und seine Tücken – DAS KOEDUKATIVE KLASSENZIMMER
(Die
ZEIT Nr.15 vom 07.04.1995 Seite 93)»
F
in Bundesrepublik seit 60-er
Jahren, in DDR noch eher
F
Widerstand von konservativen
Kreisen: Gefahr der «Erotisierung» der Schule, Verlust «notwendiger und
gottgewollter» Geschlechtsunterschiede
F
damals Koedukation von Jugend und
politischer Linken als großer Fortschritt gefeiert, auch und vor allem von
Emanzipationsbewegungen
F
Kritik seit Ende der 80-er, v. a.
Anfang der 90-er Jahre: Jungen und Mädchen haben unterschiedliche
Lernstrategien und sollten in Fächern, in denen eines der Geschlechter
signifikant schlechtere Leistungen erbringt als das andere, getrennt
unterrichtet werden.
F
Þ
«reflexive (oder partielle, differenzierte) Koedukation»
F
Protagonisten: Peter Struck
(Erzieungswissenschaftler) oder Marianne Horstkemper
(Pädagogin)
F
oft aber scheitert eine Einführung
gerade am Widerstand der Mädchen
Argumente
für reflexive Koedukation:
(a)
Jungen werden im Unterricht häufiger aufgerufen, Mädchen häufiger
unterbrochen
(b)
Mädchen halten sich für unbegabt in technischen Fächern
(c)
Auch Lehrer selbst haben Vorurteile
(d)
Schülerinnen werden als «soziale Puffer» missbraucht, indem sie neben
rüpelhafte Jungen gesetzt werden
(e)
Prügelnde, vandalierende Schüler sind fast ausnahmslos männlich
(f)
Im sozialen Verhalten: Jungen unterlegen
(g)
Rücksicht und Hilfsbereitschaft können Jungen besser trainieren, wenn
sie ihre Stärke nicht ständig vor Mädchen unter Beweis stellen müssen
F
Aber: Ergebnisse, ob getrennt
unterrichtete Schüler später Vorteile im Berufsleben haben, stehen bisher aus
(Projekte laufen noch nicht lang genug für Untersuchungen dazu)
F
Und: sollten die vorhandenen
Probleme nicht durch mehr Engagement der Lehrer gelöst werden als durch
Trennung von Jungen und Mädchen?
3.2.
Auswirkungen dieser Diskussion
F
seit Anfang der 90-er Jahre:
Modellprojekte zur partiellen Koedukation
Beispiele:
F
seit 1999: Richtlinien für
gymnasiale Oberstufe in NRW verlangen «reflexive Koedukation» - über die
Umsetzung können die Schulen selbst entscheiden (z. B. Trennung bei
Computerkursen)
F
in Berlin: an einer Schule
getrennter Chemie-Unterricht
F
in München: fünf Realschulen
und zwei Gymnasien bieten differenziertes Unterrichtsprogramm für Jungen und Mädchen
in naturwissenschaftlichen Fächern (auf freiwilliger Basis)
F
(eine Realschule bietet sogar auf
freiwilliger Basis Jungenkurse in Englisch oder Deutsch an)
F
auch an Grundschulen (vier
Schulen in Niedersachsen), z. B. im niedersächsischen Huntlosen: eine Stunde
pro Woche getrennter Unterricht
F
Diskussion in Großbritannien,
USA und skandinavischen Ländern bereits länger und heftiger geführt
F
1997: erster deutscher
Frauenstudiengang eingeführt: Wirtschaftsingenieurwesen an der FH Wilhelmshaven
(heute mehrere solcher Projekte)
3.3.
Psychologische Erkenntnisse
(nach
Helmke & Weinert, 1997, S. 103
ff.)
(a)
Sowohl in Mathe als auch in den Naturwissenschaften sind
Leistungsunterschiede zu Gunsten der Jungen nur relativ gering und wenigstens
teilweise kulturspezifisch.
(b)
Leistungsdifferenzen zu Gunsten der Jungen nehmen mit höherem Fähigkeitsniveau
etwas zu
(c)
In der Grundschule gibt es keine Leistungsdifferenzen (oder sogar geringfügige
zu Gunsten der Mädchen).
(d)
Die Leistungsunterschiede sind in den vergangenen Jahrzehnten ständig
zurückgegangen.
(e)
Von speziellen mathematischen und naturwissenschaftlichen Lern- und
Trainingsprogrammen profitieren Jungen und Mädchen gleichermaßen.
(f)
Annahmen über Unterschiede in der Fähigkeit des räumlichen Vorstellens
als Ursache für die Leistungsunterschiede konnten empirisch nicht gestützt
werden.
(g)
Es gibt empirische Belege dafür, dass sowohl Lehrer als auch Schüler
Leistungs- und Interessenunterschiede geschlechtsstereotypisch interpretieren.
Empfohlene
Überblicksliteratur:
Trautner, H. M.
(1997): Geschlechtsspezifische Erziehung und Sozialisation. In Schneewind, K. A.
(Hrsg.): Enzyklopädie der Psychologie, D, I, 1 Psychologie der Erziehung und
Sozialisation, Göttingen: Hogrefe, S. 167 – 195
Alfermann, D.
(1989): Geschlechtstypische Erziehung in der Familie. In Paetzold, B.
& Fried, L. (Hrsg): Einführung in die Familienpädagogik. Weinheim: Beltz,
S. 126 – 141
Exemplarische
Studie zu geschlechtsspezifischen Differenzen im Unterricht:
Rustmeyer, R. & Jubel,
A. (1996): Geschlechtsspezifische Unterschiede im Unterrichtsfach Mathematik
hinsichtlich der Fähigkeitseinschätzung, Leistungserwartung, Attribution sowie
im Lernaufwand und im Interesse. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie,
10, S. 13 – 25.