Emma am Hals.
oder: An den Erquickung suchenden Gast eines Tiroler Bergdorfes.
Von Tobias Elze
Wohl viele Sommer müssen vergangen sein, seit sie mich aufgehängt haben. Einfach aufgehängt. Ohne mich zu fragen.
Kannst Du das begreifen?
Und seitdem setzt sich meine Perspektive im wesentlichen aus denselben Elementen zusammen:
Sättigendes sattgrünes Gras mit nach Dung duftenden kleinen braunen Inseln, die mal aus den dicken braunen Kühen hinten rausgekommen sind. Platsch. Und einfach liegengeblieben.
Ja, und diese Verflechtung in Konservierungsmittel getauchter, nunmehr nachgedunkelter brauner Holzbalken, die die Gestalt einer Almhütte formen, aus deren Fensterloch, wenn man genau hinschaut, Heidi ihr innozentes Antlitz hervorlugen läßt.
Kannst Du es sehen?
Und darüber der Lila-Pause-Himmel mit kuschligen Schäfchenwolken im Weiß zarter Alpenmilch.
Sehnsucht?
Weißt Du, wie treue Kuhaugen blicken können? - Ich weiß es nicht. Denn Emma, an deren Hals sie mich gebunden haben, kann ich nicht in die ihren schauen.
Ja, das ist mein Schicksal: Emma am Hals zu hängen.
Und immer, wenn sie den Kopf senkt, um saftigen Löwenzahn samt sonnengelber Blüten mit den Zähnen abzureißen, muß ich mörderischen Lärm machen, weil mein Klöppel gegen meinen mattglänzenden Leib schlägt.
Kannst Du mich hören?
Wer aber wie ich den ganzen Tag lang wie eine leere Blechdose laut scheppert, macht einem jedem hörbar, wie seine Seele baumelt.
Beneidest Du mich?